Resilienz: Widerstandskraft lernen

 

 

 

Ursprünglich stammt der Begriff Resilienz aus der Materialkunde und beschreibt die Eigenschaft von Werkstoffen, nach starker Verformung die ursprüngliche Gestalt wiederanzunehmen. In den vergangen fünf Jahren hat der Begriff (geht auf das englische Wort resilience, also Spannkraft, Belastbarkeit, zurück) in der Psychologie und Soziologie an Bedeutung gewonnen.

 

 

Arbeiten in Zeiten der Digitalisierung

 
Resilienz ist die psychische Widerstandsfähigkeit oder die Fähigkeit von Menschen, Krisen erfolgreich zu meistern und gestärkt daraus hervorzugehen. Das INW-BN hat mit Prof. Dr. Ulrike Hellert, Wissenschaftliche Direktorin der FOM Hochschule für Oekonomie & Management gemeinnützige Gesellschaft mbH, über Resilienz, Techniken zum Erwerb von Widerstandskraft und die Bedeutung im Kontext mit der Arbeit 4.0 gesprochen.

 

Die Relevanz von Resilienz hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Ein Grund dafür ist, dass psychische Belastungen auch in den Unternehmen sich vermehrt haben. Menschen werden jeden Tag mit einer hohen Arbeitskomplexität und Dynamik konfrontiert – also den Belastungen der Arbeit 4.0. Viele Menschen fragen sich: ‚Wie soll ich das noch schaffen?‘“, stellt Prof. Hellert fest.

Natürlich könnte man jetzt behaupten, dass es ein Weg aus den Problemen sein könnte, einfach resilienter zu werden, also widerstandsfähiger, um mit Herausforderungen adäquat umgehen zu können. Doch so einfach ist das nicht. „Es gibt einen Mythos Resilienz, der besagt, dass wir Stehaufmännchen sind. Also wer gut mit Problemen und Herausforderungen klarkommt, der gewinnt. Und die anderen haben eben Pech. Oder die müssen in Schulungen geschickt werden, damit sie das lernen“, sagt Prof. Hellert. Aber: „Resilienz hat nichts mit Stehaufmännchen zu tun. Es gibt keine fundierten Untersuchungen, die belegen, ob die Persönlichkeit einen Ausschlag gibt, ob man resilient ist oder nicht“, so Prof. Hellert. Den Ausschlag gibt nämlich das Gesamtkonzept des Menschen: „Die Persönlichkeit ist ein System aus Genen, aus sozialem Umfeld und Erziehung. Resiliente Menschen lernen erst durch herausfordernde Situationen, ihre psychische Widerstandsfähigkeit zu trainieren.“

 

Wir kommen nicht resilient auf die Welt

Das Mainzer Institut für Resilienzforschung vergleicht diese Fähigkeit mit dem Immunsystem des Menschen: „Wer nie einem Infekt ausgesetzt war, ist auch nicht immun. Ähnlich ist es bei der Resilienz. Wir kommen nicht resilient auf die Welt“, klärt Prof. Hellert auf. Aber Vorsicht: Zu viele Herausforderungen oder Schicksalsschläge schafft ein Mensch nicht. „Wir werden resilienter, je bewusster wir mit anspruchsvollen Situationen umgehen. Wichtig ist, dass wir dann nicht allein sind, also ein soziales Netzwerk haben: Freunde und Familie, mit denen wir uns ehrlich austauschen können“, sagt Prof. Hellert.

Noch ist wissenschaftlich nicht genau untersucht, was hilft und was unterstützt, um resilienter zu werden. „Was man aber sagen kann ist, dass eine organisationale Resilienz, also individuelle, maßgeschneiderte Resilienzkonzepte die Fähigkeit des Einzelnen fördern, mit Herausforderungen umzugehen.“

In Unternehmen mit einer hohen Arbeitsintensität fällt den Führungskräften eine besondere Rolle zu: „Um Kolleginnen und Kollegen zu helfen, ist zu allererst die Achtsamkeit der Führungskräfte gefordert. Sie müssen erkennen, wie es den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geht. Ganz wichtig ist es, genau hinzuhören und weniger zu interpretieren. Voraussetzung dafür ist, dass die Führungskräfte eine gewisse soziale Kompetenz besitzen. Sie müssen sich Zeit nehmen, präsent sein – dann kann ich als Führungskraft einem Beschäftigten helfen“, erklärt Prof Hellert.

Ausreichend Schlaf und gesunde Ernährung sind wichtig

Aber auch der Mitarbeiter selber muss an seine eigenen Ressourcen denken. „Der Mensch ist ein biologisches Wesen: Er benötigt Schlaf, Nahrung und soziale Kontakte. Es klingt profan, aber die Menschen schlafen immer weniger. Das führt auch dazu, dass unser psychisches Immunsystem nicht mehr so gut funktioniert. Man kann keine Resilienz erwerben, wenn man sich falsch ernährt oder zu wenig schläft. Davon bin ich überzeugt“, konstatiert die Direktorin. Ähnlich ist es laut Prof. Hellert bei den psychischen Grundbedürfnissen, wie Lustgewinn, soziale Orientierung oder der Wunsch nach Bindung. Prof. Hellert: „Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen sich um diese physischen und psychischen Bedürfnisse kümmern und tragen dadurch zur eigenen Resilienz bei.“

Ganz wichtig ist es der Wissenschaftlerin, dass Mitarbeiter auch mal „nein“ zu einer Aufgabe sagen. „Man muss sich Zeit für sich und seine Bedürfnisse nehmen. Man muss wissen, was seine Bedürfnisse sind und wie man sie erlangt. Menschen brauchen Zeit und Muße, um zu sich selber zu finden. Und das so lange, wie es noch geht. Bei vielen ist der Rubikon schon überschritten, sie merken gar nicht mehr, wie erschöpft sie sind.“ Bei einigen Menschen wirke es nach außen so, als wenn sie mit allem klarkommen würden. „Und auf einmal begehen sie Suizid. Führungskräfte haben hier eine große Fürsorgepflicht. Dafür fehlt ihnen aber auch häufig die Zeit, weil sie ebenfalls so eingespannt sind, dass sie sich nicht darum kümmern können.“
 

Besonderes Augenmerk muss in Unternehmen auf den Umgang mit überlasteten jungen Kollegen gelegt werden: „Zuerst sollten Vorgesetzte oder Ausbilder schauen, warum sie so beansprucht sind, woher ihre Unsicherheit rührt, wie die Arbeitspakete sind und in welcher Zeit sie bearbeitet werden müssen“, empfiehlt Prof. Hellert. Hinzu kommt, dass viele Jugendliche aus einem sehr behüteten Elternhaus kommen – Stichwort Helikoptereltern – die dann in einem Betrieb ganz anders gefordert werden. „Ausbilder und Führungskräfte sollten mit den Betroffenen ins Gespräch kommen, sie nicht überfordern aber auch nicht unterfordern. Denn Menschen benötigen Herausforderungen, um ihre psychische Widerstandskraft zu trainieren. Es darf aber nicht zu viel werden und das finden wir nicht anhand einer Checkliste heraus. Da steckt Fingerspitzengefühl und Erfahrung dahinter.“

Fakt ist: Arbeit 4.0, also die ständige Veränderung der Arbeit, die hohe Dynamik und Komplexität, sie gilt es kennenzulernen und die Herausforderungen zu trainieren. „Diese Reizüber?utung ist etwas relativ Neues. Deswegen müssen gerade junge Menschen anders trainiert werden. Sie müssen andere Mechanismen entwickeln, um damit umzugehen“, so Prof. Hellert.

Für die Zukunft ist Prof. Hellert optimistisch: „Ich gehe davon aus, dass Resilienz und die Forschung auf diesem Gebiet in den nächsten Jahren weiter zunimmt. Es gibt schon mehrere wissenschaftliche Projekte, von denen ich mir praktikable Lösungsansätze erhoffe.“

 

 

Prof. Dr. Ulrike Hellert über Resilienz

 

Prof. Dr. Ulrike Hellert lehrt seit 2009 an der FOM Hochschule gGmbH in Nürnberg und ist wissenschaftliche Direktorin des iap Institut für Arbeit & Personal an der FOM.

 

 

Ansprechpartner

Martin Schnitker

Pressesprecher

Tel.: 040 30801-151

Mobil: 0177 3470585

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